Der Traum von der Bundesliga nimmt Formen an

Steil nach oben ging es bislang in der Schiedsrichterkarriere von Cristian Marin und Stefan Czommer. Davon, dass dieser Weg noch keinesfalls beendet sein muss, sind beide fest überzeugt. So hat das Gmünder Gespann vor seinem vierten Jahr in der 3.Liga den Blick weiterhin nach oben gerichtet und sich für den Aufstiegskader zur 2.Bundesliga gemeldet.
Im ersten Jahr auf Drittliganiveau erreichten Marin und Czommer das gesteckte Ziel, die Klasse zu halten, ohne größere Probleme und gehören seitdem dem sogenannten "Standardkader" an. In der vergangenen Saison erhielt das Gespann durchweg positive Bewertungen durch die Beobachter und landete unter den 47 Schiedsrichterteams der 3.Liga im vorderen Mittelfeld. Auch in den zumeist nicht ganz so neutralen Berichten der Vereine liest man zumeist sehr gute Kritiken zur Leistung der beiden Gmünder. "Wir sind zufrieden, die Akzeptanz ist jetzt auf jeden Fall da", so bewertet Marin die zurückliegenden drei Jahre: "Wenn wir auf Turnier gehen oder Vorbereitungsspiele pfeifen, dann werden wir mittlerweile ganz anders wahrgenommen und auch immer öfters von Spielern oder Trainern angesprochen." Ohnehin sei die Kommunikation das "A und O", um ein Spiel bestmöglich und ausgewoge zu leiten – auch wenn es die eine perfekte Schiedsrichterleistung im hektischen Handballsport vermutlich gar nicht gibt.
 
In der zurückliegenden Sommerpause bekommen Marin und Czommer teils sehr hochklassige Vorbereitungsspiele wie beispielsweise zwischen dem Bundesligisten TVB 1898 Stuttgart und der schweizer Spitzenmannschaft Pfadi Winterthur zugeteilt. Auch das Freundschaftsspiel zwischen dem TSB Gmünd und dem TVB durften die beiden auf eigenen Wunsch hin leiten. "Das ist ein Bonbon, das auf unsere Erfahrungen in der 3.Liga noch oben drauf kommt", schätzt sich das Duo äußerst glücklich, auf solch hohem Niveau eingesetzt zu werden: "Solche coolen Testspiele fordern uns auch deutlich mehr. Wir haben schon gesehen, dass das vom Tempo her nochmals eine ganz andere Liga ist und haben uns immer die Frage gestellt: Wo können wir uns da verbessern?"
 
Besonders das temporeiche Spiel in den Profiligen verlangt den Schiedsrichtern vieles ab. Deshalb wird jede Begegnung in einer intensiven Videoschulung analysiert, um Stärken und Schwächen herauszufiltern. "Der DHB stellt uns viel Material und eine tolle Sportlounge zur Verfügung, so dass wir uns immer weiter verbessern können", berichten die beiden Gmünder. Die zweite wichtige Basis für die Unparteiischen liegt im Fitnessbereich. "Wir müssen so viel Sport wie nur möglich machen, um auf Augenhöhe zu bleiben, und außerdem einen entsprechenden Nachweis erbringen, dass wir etwas gemacht haben", erklärt Marin. Arbeitet man unter der Woche zu wenig an der eigenen Kondition, so rächt sich das umgehend am Wochenende. "Wir beiden sind auf jeden Fall fit genug", sagen Marin und Czommer selbstbewusst, immerhin haben beide den Regeltest und den Lauftest einmal mehr souverän bestanden. Aber auch die Schiedsrichterkollegen seien durchweg fit.
 
Aktiv spielt Marin, der als Torwart sogar auf einen Oberligaeinsatz für den TSB zurückblicken darf, seit zwei Jahren nicht mehr und er gesteht auch, dass ihn ein Comeback nicht mehr ernsthaft reizt. Stattdessen steht jedes Quartal eine Schulung mit Stützpunkttraining beim DHB auf dem Programm, zusätzlich jeweils ein Halbjahres- und Sommerlehrgang. Es lohnt sich also durchaus, Respekt zu haben vor den Unparteiischen, kennt man diesen beträchtlichen Aufwand, der ansteht, bevor überhaupt nur ein Spiel angepfiffen wird.
 
Vor ihrer vierten Saison in der 3.Liga gibt sich das Gmünder Gespann weiterhin ambitioniert. "Wir wollen unbedingt", so lautet die Devise, wohlwissend dass man die Aufstiegschancen nicht immer in der eigenen Hand hält und es auch eine Portion Glück benötigt. Den nächsten Schritt in Richtung Bundesliga haben Marin und Czommer aber bereits in Angriff genommen. Beide meldeten sch für den Aufstiegskader – einem unglaublich hohen Zeitaufwand mit Anreise, Vor- und Nachbereitung zum Trotz. Den Aufwand eines Halbprofis wollen die beiden Unparteiischen aus dem Remstal aber unbedingt auf sich zu nehmen, um ihrem großen Traum wieder ein Stück näher zu kommen – auch wenn es vermutlich nicht auf Anhieb klappen wird. Denn von insgesamt 14 Schiedsrichterteams, die sich für den Aufstiegskader gemeldet haben, werden am Ende dieser Spielzeit nur maximal zwei Gespanne den Sprung in die 2.Bundesliga schaffen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass wir dieses Jahr aufsteigen, ist sehr klein", weiß Marin, "doch wir wollen es uns auf jeden Fall einmal anschauen und das Bestmögliche erreichen, auch wenn uns bewussst ist, wie stark die Konkurrenz ist."
 
Wichtig ist es den beiden Gmünder Unparteiischen zunächst allerdings, weiterhin konstant gute Leistungen in der 3.Liga Süd oder auch bei Spielen der Oberliga Baden-Württemberg zu zeigen. "Wenn wir uns weiter verbessern und im Blickfeld bleiben, dann darf der nächste Schritt in den kommenden drei bis fünf Jahren gerne kommen", blicken Marin und Czommer voraus. Gelingt dieser Schritt, dann wäre das Duo vom TSB endgültig in der gesamtdeutschen Handballrepublik angekommen.
 

Ohne Schiedsrichter geht es nicht!
Der Schiedsrichter-Mangel in Deutschland verschärft sich. Für 2019 zählt der Deutsche Handballbund aktuell 21.429 Unparteiische, in neun Jahren verlor der Verband damit fast 9.000 Schiedsrichter. "Das ist ein dramatischer Rückgang", unterstreicht DHB-Schiedsrichterwart Wolfgang Jamelle und rechnet vor: "Im Schnitt müssen wir acht Schiedsrichter ausbilden, um einen zu behalten."

Wie steht es eigentlich um das Schiedsrichterwesen beim TSB Gmünd? Cristian Marin und Stefan Czommer bilden natürlich die Spitze, außerdem greifen fünf weitere TSBler regelmäßig zur Pfeife: Dies sind Andreas Doderer, Wolfgang Häfner, Andreas Maier, Sascha Grützmacher sowie Moritz Kienzle, der nach einer lehrbedingten Pause wieder einsteigt. "Wir hatten leider ein paar Abgänge, zwei davon gesundheitsbedingt", bedauert Marin, fügt aber an, dass "wir mit sieben Schiedsrichtern immer noch im Soll sind."

Natürlich könnte es besser sein, unterstreicht der Schiedsrichter-Obmann des TSB: "Aber ich kann natürlich verstehen, dass das Interesse derjenigen Jugendspieler, die höherklassig spielen, nicht allzu groß ist. Das war auch bei mir nicht anders. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich einmal in der 3.Liga pfeifen und mir die Tätigkeit als Schiedsrichter wichtiger sein würde, als selbst zu spielen."
 
Marin ist ständig auf der Suche nach Neueinsteigern. Denn bei weniger als sieben Schiedsrichtern droht dem TSB zwar kein Punktabzug für die Aktiventeams, wie es im badischen Verband üblich ist. Allerdings müsste der Verein pro fehlendem Schiedsrichter eine Strafe von 300 Euro zahlen. "Das tut schon weh, wenn dieses Geld in der Vereinskasse fehlt", betont Marin "deshalb ist es mir wichtig, dass ich kommenden Jahr schon etwas früher tätig werde, um zwei oder drei neue Leute für uns zu gewinnen."

(Nico Schoch)