1. Mannschaft


Abenteuer Oberliga, Teil vier:
Nach zwei herausragenden vierten Plätzen in Folge steht einer ebenso jungen wie dünn besetzten Gmünder Mannschaft das bislang wohl schwierigste Jahr in der Viertklassigkeit bevor. Ohne die zwei besten Torschützen der Vorsaison steht der TSB vor einem echten Härtetest, weshalb die langfristig angelegte Vision von der 3.Liga erst einmal hinten anstehen muss – erneut kann nur der Klassenerhalt das Ziel sein. Wenn möglich, frühzeitig.
 
Bekannte Herausforderung unter erschwerten Bedingungen
 
Mit einigen Sorgen, aber auch mit viel Zuversicht startet der TSB Gmünd in seine mittlerweile vierte Spielzeit in der Baden-Württemberg-Oberliga. 
 
Eigentlich hatte Michael Hieber sein Amt nach dieser Runde niederlegen wollen, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Doch der TSB-Trainer hat noch viel vor: „Wir haben uns selbst intensiv hinterfragt und festgestellt, dass in unserem Team noch viel Entwicklungspotenzial steckt. Die Mannschaft stagniert nicht, hält toll zusammen und will jeden Tag besser werden; auch deshalb wollen wir weitermachen“, erklärten Michael und Andreas Hieber im März anlässlich ihrer Vertragsverlängerung für ein weiteres Jahr. „Ein Jahr Verlängerung ist das beste für beide Seiten, man weiß nie, was kommt“, sagt Michael Hieber, der aber weiß, was er will: „Wir müssen in allen Bereichen professioneller werden, zum Beispiel im Marketing durch Nutzung der neuen Medien in der Sponsorenbetreuung und in der Organisation. Dafür haben wir die Zusage von einigen Mitarbeitern in der Abteilung. Auch das war ausschlaggebend für unsere Entscheidung.“ 
 
Rein sportlich betrachtet steht dem TSB das bislang wohl kniffligste Oberliga-Jahr bevor. Das liegt besonders an den großen personellen Herausforderungen, denn der Verlust der beiden besten Torjäger bedeutet eine nie dagewesene Zäsur im Gmünder Team. Max Häfner sucht seine Chance beim Bundesligisten TVB 1898 Stuttgart und Aaron Fröhlich fällt aufgrund seines Achillessehnenrisses wohl mindestens bis zum Ende der Hinrunde aus – unterm Strich fehlen rückblickend ganze 394 Saisontreffer. „Das können wir unserem Spiel gar nicht kompensieren und deswegen ist uns auch klar, dass eine ganz schwierige Saison vor uns liegt“, betont Michael Hieber. Nachdem das TSB-Offensivspiel bislang vor allem auf die beiden kongenialen Regisseure Fröhlich und Häfner ausgerichtet war, sind daher neue taktische Konzepte gefragt. „Wir müssen uns zunächst finden. Wir wollen einen etwas anderen Handball spielen als bislang“, verspricht der Chefcoach.
 
Zugleich müssen auch weitere Akteure künftig mehr Verantwortung übernehmen. Die beiden zentralen Figuren heißen nun Dominik Sos und Philipp Schwenk, die den dünn besetzten Rückraum anführen sollen. Besonders auf dem erstgenannten Rückkehrer vom TSV Alfdorf/Lorch und seiner hohen Trefferquote ruhen die Hoffnungen der Gmünder Fans. Immerhin, darüber zeigt sich Hieber froh, ist das Grundgerüst der Mannschaft zusammengeblieben. Der Trainer kann auf eine eingeschworene Truppe bauen, wobei der eigene Defensivblock wieder zum altbekannten Prunkstück heranwachsen soll. Hieber: „Auf der Abwehr muss unser Hauptaugenmerk liegen“, so Hieber. Lukas Waldenmaier und Christian Waibel sollen im gemeinsamen Verbund den „Fels in der Brandung“ in der kniffligen Mission Klassenerhalt darstellen. Ohnehin vorzüglich besetzt zeigt sich der TSB auf den Außenpositionen: Eigengewächs Wolfgang Bächle war mit 148 Treffern in der Vorsaison der ligaweit zweitbeste Rechtsaußen. Und in der Hinterhand hat Hieber stets noch seinen Routinier Sebastian Göth, der sich nach langen Verletzungspausen mit einem beeindruckenden Willen in den BWOL-Kader zurückgekämpft hat. Auf Linksaußen erhält Felix Häfner künftig Unterstützung von Nico Krauß, der bereits beim Lokalrivalen SG Lauterstein Oberliga-Luft schnuppern konnte. In jedem Fall ist Krauß ein Spieler, der perfekt zur Transferpolitik des TSB passt: Jung – entwicklungsfähig – aus der Region.
 
Nicht vergessen werden darf, dass der TSB in Sebastian Fabian über einen der wohl besten Torhüter der Liga verfügt. Nach dem Abgang von Fabian Juhnke zum Ligarivalen TSV Deizisau steht der unumstrittene Rückhalt an der Spitze des neuen Dreigestirns auf dieser Position: Der erfahrene Rückkehrer Philipp Neukamm steht ebenso für Oberliga-Einsätze bereit wie auch Talent Giovanni Gentile. Der 18-Jährige soll jedoch in erster Linie Spielpraxis und Erfahrungen bei der zweiten Mannschaft sammeln. Und schließlich hat Hieber auch noch zwei weitere hoffnungsvolle Rookies an Bord, die sich auf dem Sprung in den Aktivenbereich befinden: Sven Petersen ist den TSB-Anhänger bereits aus den beiden zurückliegenden Oberliga-Spielzeiten bekannt, in denen er bereits 40 Oberligatreffer markieren konnte. Nach seiner Zeit mit einem Zweitspielrecht für die Junioren des TV Bittenfeld steigt Petersen nun ganz bei seinem Heimatverein ein. In dieser guten Tradition, wovon auch schonn mittlerweile gestandene Spieler wie Max Häfner und Jonas Waldenmaier profitierten, reiht sich nun auch HVW-Auswahlspieler Yannic Leichs ein: Der Youngster läuft parallel für die Bundesliga-Jugend in Göppingen auf. Ob auch bei diesen beiden „Jungen Wilden“ nun ein rasanter Aufwärtstrend beginnt? Man darf gespannt sein.
 
„Gemeinsam haben wir viel vor“, blickt Michael Hieber in eine verheißungsvolle Zukunft. Im kleinen Durchhänger zum Ende der vergangenen Saison machte sich der Altersschnitt von rund 22 Jahren zwar deutlich bemerkbar – doch das vorhandene Entwicklungspotenzial dient als Mutmacher. Fakt ist aber auch: Bei einem solch kleinen Kader mit gerade einmal 14 Feldspielern (Aaron Fröhlich mitgerechnet) müssen die Gmünder ohne weitere Ausfälle durch die Saison kommen, damit die sportlichen Ziele in Reichweite bleiben. Bereits eine weitere längere Verletzungspause kann das gesamte Konzept auf den Kopf stellen. Durchaus verständlich also, dass Hieber wie auch beim Höhenflug im vergangenen Jahr zu Demut und Bescheidenheit mahnt. Denn die benötigten 26 Punkte zu erreichen, wird in dieser Spielklasse schwierig genug sein. Drei Teams müssen mindestens absteigen, es können je nach Anzahl der Absteiger aus der 3.Liga auch bis zu sechs Absteiger sein. Heißt im Klartext: Nur oberhalb von Rang elf wäre der TSB wohl auf jeden Fall gesichert. Auf Rechenspiele darf man sich keinesfalls einlassen, sondern muss von Beginn an konsequent punkten. 
 
Erneut dürfen sich die jungen Gmünder mit einigen ambitionierten Traditionsteams messen. An der Tabellenspitze ist die SG Pforzheim/Eutingen zu erwarten, welche sich nach nur einem Jahr und einer dramatischen Relegationsrunde wieder aus der 3.Liga Süd verabschieden musste. Auch der Vorjahresdritte H2Ku Herrenberg, mit dem sich der TSB im Vorjahr zwei intensive Spitzenspiele geliefert hatte, nimmt den Aufstieg im Visier. Traditionell hoch gehandelt werden auch Ex-Bundesligist TV 08 Willstätt und die TSG Söflingen, welche im Vorjahr entgegen ihrer Erwartungen gegen den Abstieg spielten. Den besonderen Reiz setzen die zahlreiche Derbys, zu denen nicht nur die beiden Duelle mit der SG Lauterstein zu den prominenten Terminen direkt vor der kurzen Weihnachtspause und zum Saisonfinale Anfang Mai zählen. Auch die mittlerweile etablierten Duelle mit dem TSV Deizisau, dem TV Plochingen und Aufsteiger SV Remshalden bieten eine hohe Brisanz.Gegen die Liganeulinge TuS Steißlingen (Südbaden) und Amicitia Viernheim (Nordbaden) hingegen betritt die Hieber-Sieben absolutes Neuland: Erstmals überhaupt treffen Gmünder Handballer in Pflichtspielen auf diese beiden Clubs. Doch gerade dort liegen wichtige Punkte auf dem steinigen Weg zum erhofften Klassenverbleib bereit.
In besonderem Maße will der TSB einmal mehr auf die eigene Heimstärke bauen: Schließlich hatte man in den vergangenen beiden Spielzeiten jeweils nur drei Niederlagen in der stets gut besuchten Großsporthalle hinnehmen müssen. Handball hat in Gmünd dem Fußball, was die Zuschauerzahlen betrifft, klar den Rang abgelaufen: Der TSB kann sich in jeder Lage auf sein eigenes Publikum verlassen. Insgesamt besuchten in der vergangenen Saison 6548 Fans die 15 Heimspiele des Teams von Trainer Michael Hieber – der Zuschauerdurchschnitt von 546 blieb ligaweit unerreicht. Denn die Oberliga ist und bleibt für den TSB eine großartige Leistung – und das wird vom Publikum honoriert. 
 
Nico Schoch