Noch elf Spiele bis zum „i-Tüpfelchen“: Tobias Klemm vor seinem letzten Kapitel

Handball, Regionalliga: Mit erst 30 Jahren zieht Tobias Klemm zum Saisonende einen Schlussstrich. Der loyale Torwart des TSB Gmünd hat sich nach seiner schweren Verletzung zurückgekämpft, wünscht sich nun mehr Zeit für Freunde und Familie. Ein Ziel bleibt unausgesprochen, aber greifbar.

Was die Torhüter des TSB Gmünd in dieser Saison auszeichnet, ist ihr ausgeprägter Teamgedanke. Daniel Mühleisen und Tobias Klemm pushen sich, klatschen sich nach jeder Parade ab, feiern gemeinsam die Erfolge – und stellen das große Ganze stets über persönliche Interessen. So war es auch in den vergangenen Wochen. Beim 31:23-Erfolg gegen die MTG Wangen trugen sich beide Keeper sogar in die Torschützenliste ein. Im Topspiel gegen Tabellenführer HSG Albstadt legte Mühleisen mit einer starken ersten Hälfte den Grundstein, ehe der spät eingewechselte Klemm mit fünf Paraden in der Schlussphase den 38:34-Sieg festhielt. Und bei der 41:27-Heimgala gegen die HSG Willstätt/Hanauerland war Klemm erneut der loyale Rückhalt für seinen überragenden Kollegen, kam in der Schlussphase aufs Feld und parierte unter dem Jubel der Zuschauer noch einen Ball. Sie pushen sich, sie feiern gemeinsam – aber nur noch für elf Partien. Dann endet die Karriere von Tobias Klemm.

Mit gerade einmal 30 Jahren wird der Torhüter im Sommer seine Laufbahn beenden. Einer, der nie gemurrt hat, auch wenn er sich – was kein Geheimnis ist – durchaus mehr Einsatzzeiten gewünscht hätte. Doch das ist nicht der Grund für seinen Entschluss. Seit dieser Saison ist Klemm nach seinem Kreuzbandriss wieder zurück auf der Platte. Die verbliebenen Spiele werden nun seine Abschiedstournee nach 26 Jahren im Handball. Während der langen Verletzungspause ist der Entschluss gereift – vor allem zugunsten von Familie, Freunden und seiner Ehefrau.
 
Der Sportliche Leiter Jürgen Rilli bedauert die Entscheidung sehr: „Er fühlt sich im Training immer wie ein Junger, er stachelt die Jungen an und gibt immer 100 Prozent. Ist nach seiner Verletzung super zurückgekommen. Vor allem weil er sich super mit Dani und Devin Immer versteht. Ist zwar schade, aber nachvollziehbar. In den Jahren beim TSB hat er alles gegeben, ist im Verein super angekommen, hat ein super Standing in der Mannschaft. Ein super fokussierter Torwart.“ Ein Nachfolger ist bereits gefunden und soll in der kommenden Woche vorgestellt werden.
 
Auch für Klemm selbst ist der Schritt kein leichter. Die Verletzung spielte dabei durchaus eine Rolle. Das Knie spürt er noch immer, muss sich vor Training und Spielen intensiver vorbereiten, geht vielleicht nicht mehr ganz so unbeschwert in die Belastung wie früher. „Am Ende haben die Punkte überwogen“, sagt der nachdenkliche Torhüter. „Ich habe lange darüber nachgedacht. Natürlich ist es kein einfacher Schritt. Weil es macht mir unglaublich viel Spaß mit den Jungs, auch wenn ich mit meinen Einsatzzeiten aktuell nicht völlig zufrieden bin.“
 
Noch elf Spiele stehen bevor. „Das wird sicher nicht einfacher werden – erst recht gegen Ende.“ Und doch will er nichts an seiner Herangehensweise ändern: „Ich habe es auch so zur Mannschaft gesagt: Ich bin so gestrickt, dass das an sich keine Abschiedstournee für mich ist. Sondern dass ich immer schon so gestrickt war, dass ich in jedes Spiel hineingehe wie ein Endspiel und es gewinnen möchte. So habe ich das schon immer gelebt. Daher ändert das an der Sache gar nichts, wird auch nicht im Kopf sein. Wenn es dann hinten raus in die letzten Spiele geht und man nachdenkt, dann wird es vielleicht schon emotionaler.“
 
Nach der schweren Knieverletzung zurückzukommen, war für ihn ein klares Ziel – und das hat er erreicht. Ein großer Traum aber bleibt noch. Offiziell spricht beim TSB niemand vom Aufstieg, doch zwischen den Zeilen ist die Sehnsucht spürbar. „Das wäre ein Traum, der in Erfüllung geht. Damit könnte man sich super verabschieden. Wir geben alles dafür, was am Ende dabei rauskommt, wird man sehen. Aber es wäre das i-Tüpfelchen“, sagt Klemm – ohne das Wort Aufstieg in den Mund zu nehmen. Er hat in seiner Karriere viel erlebt. Mit der SV Remshalden gelang ihm einst der Aufstieg, später ärgerte er mit seinem Team den TSB Gmünd. Beim HC Oppenweiler/Backnang schnupperte er bereits an der 3. Liga, trainierte regelmäßig mit und stand dicht vor seinem Premiereneinsatz. „Ein Spiel in der 3. Liga ist mir versprochen, aber dann kurzfristig doch verwehrt geblieben.“
 
2023 folgte mit dem Titel des Deutschen Beachhandball-Meisters – gemeinsam mit Mühleisen als Torhüterduo – ein ganz besonderer Höhepunkt. „Habe mir über die Karriere noch gar keine Gedanken gemacht. Der BWOL-Aufstieg damals, die Zeit beim HCOB genießen dürfen. Es ist viel passiert. Die Krönung die Deutsche Meisterschaft mit den Otternasen – da wäre nur der Aufstieg in die 3. Liga auf Augenhöhe.“ Im Beachhandball hat er seine Zukunft noch nicht endgültig entschieden. „Dem werde ich sicherlich verbunden bleiben, da ist die Intensität nicht ganz so hoch und weniger Wochen im Jahr.“
 
Und danach? Vielleicht ein Engagement als Torwarttrainer, wie bereits im vergangenen Jahr? „Das hat mir viel Spaß gemacht. Ich habe mir jetzt aber gesagt, dass ich erstmal die Zeit für mich haben und genießen möchte. Nach der intensiven, langen Zeit, wo ich viel reininvestiert habe, auch erst einmal Zeit für mich habe. Das habe ich gemerkt. Freundschaften außerhalb vom Handball – bei über 40 Wochen Handball im Jahr sind gemeinsame Urlaube fast unmöglich. Das sind Dinge, die einschneidend sind. Ich freue mich auf Zeit mit Familie, Freunden und meiner Frau.“
 
Ein Comeback, um vielleicht doch noch den Drittliga-Premiereneinsatz nachzuholen? Wenn Not am Mann wäre? Klemm lacht – und lässt sich eine Hintertür offen: „Wenn Trainer Aaron Frlhlich mich anruft, würde ich nicht Nein sagen. Für spontane Einsätze, wenn es brennen sollte und die Fitness es zulässt, würde ich nicht Nein sagen. Für einen Torhüter ist 30 natürlich kein Alter, das ist mir bewusst, und ich hätte das auch so nie gedacht. Aber so eine Verletzung kann da hineinspielen und hat nachdenklich gemacht.“
 
Noch elf Spiele bleiben. Elfmal gemeinsam pushen, klatschen, feiern. Und vielleicht am Ende mit dem i-Tüpfelchen.