
Es sind diese Momente, die den Sport so grausam und faszinierend zugleich machen. 26:26 steht es in der Großen Sporthalle, die letzten 15 Sekunden laufen. Sören Winger hat gerade in der Abwehr ein Stürmerfoul provoziert und dem TSB Gmünd damit scheinbar einen Punkt gegen die SG Pforzheim/Eutingen gesichert. Tom Abt schnappt sich das Spielgerät, blickt auf und sieht den schnell gestarteten Wolfgang Bächle, der sich einen Vorsprung gegenüber seinem Gegenspieler verschafft hat. Ein Pass, der den Weg zum Sieg ebnen könnte – doch der Ball kommt nie an. „Ich war wohl einen Tick zu euphorisch, wollte den Ball schnell vorbringen und habe ihn mit zu viel Kraft ins Aus geworfen“, erklärte Abt später selbstkritisch. Noch viel bitterer: Die Gäste schalten ihrerseits blitzschnell um. Abt versucht noch, nach dem letzten gegnerischen Pass zu hechten, doch vergeblich. Linksaußen Felix Schmitt trifft wenige Augenblicke vor der Schlusssirene zum 26:27. Abt, der zuvor mit acht Treffern herausgeragt und seine Mannschaft über weite Strecken getragen hatte, vergräbt enttäuscht sein Gesicht im Trikot. Keiner seiner Mitspieler macht ihm einen Vorwurf. Ein einziger Pass hat den TSB mindestens einen, vielleicht sogar zwei Zähler gekostet. So nahe dran war der Neuling bisher noch nie gegen einen „Großen“ in der 3. Liga.
Ein Handballkrimi ohne Verschnaufpause
Ein Heimspiel ohne Drama und maximalen Nervenkitzel? Beim TSB Gmünd kaum vorstellbar. Im packenden Duell mit dem Vorjahresdritten kann sich kein Team mit mehr als zwei Toren absetzen. Vor allem defensiv knüpfen die Gmünder nahtlos an ihre starken Auftritte der vergangenen Wochen an. Sie helfen sich gegenseitig, schieben füreinander und verteidigen aufmerksam und geschlossen. Wie unangenehm diese Mannschaft inzwischen zu bespielen ist, bekommt die SG Pforzheim/Eutingen immer wieder zu spüren. Der TSB startet nach Maß. Youngster Lenny Schwenk fängt hinten einen Pass ab und schickt Niklas Burtsche auf die Reise zum 4:2 (7.). Wenig später vollendet Kai Schäffner die zweite Welle zum 5:3 (10.).
Doch auch die Gäste zeigen, weshalb sie trotz ihrer Durststrecke über eine der besten Abwehrreihen der Liga verfügen. Torhüter Daniel Mühleisen hält den TSB zunächst im Vorteil, legt bei einem Strafwurf von Arved Horchheimer nach einer Viertelstunde sogar eine spektakuläre Doppelparade hin. Auf der Gegenseite steht ihm Moritz Luckert in nichts nach. Er pariert gegen Arian Pleißner und den am Kreis freigespielten Sören Winger glänzend. Mit dem siebten Feldspieler und den beiden Kreisläufern Winger und Jonas Waldenmaier stellt Gmünd die Gäste immer wieder vor neue Herausforderungen. SG-Trainer Alexander Lipps wird später anerkennend feststellen: „Der TSB war im positiven Sinne die bislang stressverursachendste Mannschaft.“ Gleichzeitig bringt er auf den Punkt, wie teuer solche Partien werden können: „Die 3. Liga verzeiht keine Fehler.“
Zwei Tore-Rückstand zweimal schnell aufgeholt
Eine doppelte Zeitstrafe gegen die Gmünder lässt die Partie auf 9:11 (22.) erstmals kippen. Doch der TSB bleibt ruhig und schlägt zurück. Stefan Scholz tanzt einen Gegenspieler aus, Tom Abt und Andreas Maier mit blindem Verständnis gleichen aus. Dann hilft der Pfosten, bevor Kai Schäffner sein Team wieder mit 13:12 (30.) in Front wirft. Die Gäste kommen besser aus der Kabine, der TSB lässt sich allerdings auch vom 13:15 (33.) nicht beeindrucken. Arian Pleißner und Lenny Schwenk setzen aus dem Rückraum wichtige Akzente und beim 17:16 (38.) kippt das Momentum auf Gmünder Seite. Dann folgt der nächste Rückschlag: Maier trifft Finn Meißner mit der Hand am Hals und sieht dafür glatt Rot (41.). Der Ausfall des Abwehrchefs wiegt schwer. Meißner, erst 17 Jahre alt, Jugend-Nationalspieler und ab der kommenden Saison für die Rhein-Neckar Löwen in der Bundesliga aktiv, drückt der Partie fortan seinen Stempel auf. Ein Name, den sich das Publikum auch über Gmünd hinaus merken sollte. Der TSB muss umstellen, hält aber dagegen. Fabian Bauer kommt für Mühleisen ins Tor und bleibt knapp sechs Minuten ohne Gegentreffer. Die offensive 5:1-Deckung mit Schwenk an der Spitze für reichlich Stress bei den Badenern.
Es ist eine reife Leistung des Aufsteigers, der sich längst nicht mehr wie ein Außenseiter präsentiert. Vom 19:18 (44.) bis zum 23:22 (51.) kann Pforzheim aber meist postwendend antworten. In der entscheidenden Phase unterlaufen den Gmündern dann jene Fehler, die ein Gegner dieser Qualität gnadenlos nutzt. Ein missglückter Kempa-Trick, ein ungenauer Pass an den Kreis und ein kläglich vergebener Siebenmeter von Burtsche kommen dem TSB teuer zu stehen. Mit drei Toren in Folge zum 23:25 (54.) drängt Pforzheim auf die Vorentscheidung. Doch Mühleisen kehrt ins Gmünder Tor zurück und pariert gegen Linksaußen Schmitt. Vorne macht Burtsche seinen Patzer wieder vergessen, bleibt zweimal eiskalt und gleicht aus. Beide Mannschaften wittern ihre Chance auf den Sieg. Schäffner hat die Möglichkeit, den TSB in Führung zu bringen, trifft freistehend aber nur das Lattenkreuz. Auf der Gegenseite steigt Pforzheims Rückraumshooter Maximilian Bröhl nach angezeigtem Zeitspiel zum Freiwurf hoch und jagt den Ball zum 26:25 ins Netz (59.). Die Gäste scheinen auf der Siegerstraße, doch Stefan Scholz antwortet 45 Sekunden vor Schluss mit dem 26:26. Dann kommt die letzte Szene – sie gehört den Gästen, die abgeklärter und am Ende auch glücklicher sind.
Eine bittere Lektion: Die 3. Liga ist brutal
So bleibt für den TSB eine Leistung, auf der sich aufbauen lässt – und zugleich eine Niederlage, die erst einmal verdaut werden muss. Vom Lob allein kann sich der Aufsteiger nichts kaufen. Gerade weil die Gmünder über weite Strecken so stark verteidigen und den Favoriten an den Rand einer Niederlage bringen, schmerzt der Ausgang umso mehr. Mit fünf Punkten steht der TSB weiterhin auf einem Nichtabstiegsplatz. Doch die 3. Liga ist brutal – selbst eine starke Vorstellung reicht nicht, wenn in den entscheidenden Momenten die nötige Kaltschnäuzigkeit fehlt. Der TSB muss die richtigen Lehren ziehen, sich weiterentwickeln und in den Schlussphasen cooler bleiben. Sonst droht aus knappen Niederlagen schnell eine Negativspirale zu werden. Viel Zeit zum Grübeln bleibt nicht: Am kommenden Sonntag (17 Uhr) wartet bei den Wölfen Würzburg und Ex-TSB-Trainer Dragos Oprea der nächste dicke Brocken.
TSB Jets – SG Pforzheim/Eutingen 26:27 (13:12)
-
TSB: Daniel Mühleisen (1.-40./53.-60.Minute), Fabian Bauer (40.-53.Minute) – Tom Abt (8), Niklas Burtsche (6/2), Kai Schäffner (3), Arian Pleißner (3), Stefan Scholz (2), Wolfgang Bächle (1), Sören Winger (1), Lenny Schwenk (1), Andreas Maier (1), Christian Waibel, Jonas Waldenmaier, Nils Eilers (n.e.), Agustin Ortlieb Basualdo (n.e.)
SG: Moritz Luckert, Paul Siegl (n.e.) – Finn Meißner (8/2), Maximilian Bröhl (5), Jona Mauch (5), Felix Schmitt (4), Julian Broschwitz (2), Arved Horchheimer (2), Luca Mariani (1), Xaver Billmaier, Linus Bleh, Oskar Emanuel, Josias Boschmann, Caspar Mosblech, Matej Mikita
Siebenmeter: TSB 2/3 – SG 3/4
Zeitstrafen: TSB 8 Minuten – SG 6 Minuten
Rote Karte: Andreas Maier (TSB/41./Grobes Foulspiel)
Schiedsrichter: Felix Mayer (VfL Pfullingen), Fabian Foerster (TV Bergneustadt)
Zuschauer: 800
Stressige Gmünder, glückliche Pforzheimer – Stimmen zum Spiel

Aaron Fröhlich, TSB-Trainer: „Der Stachel sitzt sehr tief. Von diesem Fehler in der letzten Aktion sollten wir uns nicht abbringen lassen und uns mehr auf die 59 Minuten und 45 Sekunden davor konzentrieren. Wir haben Paroli geboten mit allem, was uns möglich war und als kräftemäßig eng wurde, hat uns die Unterstützung von den Rängen ziemlich geholfen. Ich sehe uns auf einem guten Weg und habe das Gefühl, dass wir auf Schlagdistanz sind. Wenn wir so nah dran sind, dann müssen wir in Zukunft auch zubeißen.“
Alexander Lipps, SG-Trainer: „Wir sind der glückliche Sieger. Der TSB ist im positiven Sinne die größte stressverursachende Mannschaft bisher gewesen. Defensiv sind wir mit den vielen Varianten gut zurechtgekommen, offensiv hatten wir wie in der gesamten Saison unsere Probleme. Nach dreimal vergebener Chance zur Vorentscheidung wäre eine Niederlage ein brutaler Nackenschlag gewesen. Wir mussten viel einstecken in den letzten Wochen, heute haben wir glücklich gewonnen.“
Tom Abt, TSB-Spielmacher: „Wir haben bis auf eine kurze Phase nach der Roten Karte sehr gut gedeckt. In der zweiten Halbzeit wird es ein Kampfspiel von beiden Seiten, da ist uns offensiv zu wenig eingefallen. In der letzten Szene bin ich einen Tick zu euphorisch, passe den Ball mit zu viel Kraft und dieser individuelle Fehler kostet uns wahrscheinlich zwei Punkte. Jetzt müssen wir endlich so ein enges Spiel ziehen, in den entscheidenden Situationen einen klaren Kopf bewahren und mit mehr Selbstvertrauen in die Zweikämpfe gehen.“
Jonas Waldenmaier, TSB-Kreisläufer: „Ein Unentschieden wäre mindestens verdient gewesen. Der Bonuspunkt war greifbar. Die letzte Aktion ist nicht allein ausschlaggebend, da macht man niemandem einen Vorwurf und erst recht nicht Tom. Wir waren eigentlich am Drücker und müssen vorne einfach mehr Tore machen.“
Lenny Schwenk, TSB-Rückraumtalent: „Über 60 Minuten war das ein Megaspiel von uns und wir hatten die Chance, den Vorjahresdritten zu schlagen. Wir haben alles reingelegt und haben richtig Bock, Abwehr zu spielen. Dort auf der vorgezogenen Position zu spielen, ist etwas ganz Neues für mich, klappt aber ganz gut. Wir können trotz der Niederlage stolz auf unsere Leistung sein und machen uns vor den nächsten Spielen gar keinen großen Kopf.“
(Text: Nicolas Schoch - Bilder: Frank Bieg)







































