Für diesen Gala-Abend gab es nur ein passendes Wort. „Genial“, kam dem achtfachen Torschütze Arian Pleißner über die Lippen. Handball zum Zungeschnalzen war es, was der TSB Gmünd seinen 500 Zuschauern in der vollbesetzten Römerhalle geboten hatte. Diese hatten sich zuvor gefragt, ob die „Jets“ ihre starke Leistung vom 38:34-Sieg über Spitzenreiter HSG Albstadt sechs Tage zuvor bestätigen würden. Die Antwort war ein donnerndes Ja. Einen Erdrutschsieg mit 14 Toren Unterschied gegen einen zugebenermaßen nicht in Bestbesetzung angetretenen Mitkonkurrenten hätte zuvor niemand erwartet. „Von mir aus können wir jedes Spiel so entspannt zu Ende spielen“, grinste Torwart Daniel Mühleisen, der mit 39 Prozent gehaltener Bälle ein herausragender Rückhalt war.
Die „Notfallsituation“ bravourös gelöst
Der TSB hatte viel Selbstvertrauen mitgenommen, war aber trotzdem „alarmiert“, wie Trainer Aaron Fröhlich erklärte. Denn neben dem verletzten A-Jugendlichen Simon Neumaier war auch der kurzfristig erkrankte Niklas Burtsche, bester Torschütze in dieser Saison, ausgefallen. Doch aus der „Notfallsituation“ wurde eine wahre Machtdemonstration, weil durch die Bank jeder Gmünder funktionierte. Allen voran Andreas Maier, der mit starkem Blockspiel gleich den ersten Angriff der HSG Willstätt/Hanauerland zerschellen ließ und offensiv auf die vakante Linksaußen-Position rotierte. Nur einen Fehlwurf leistete sich der Allrounder, von seinen sechs Toren erzielte er jeweils noch einen aus dem Rückraum und einen vom Kreis. Von der Siebenmeterlinie wechselten sich die Rückraumstrategen Tom Abt und Kai Schäffner kollegial ab. Der Ausfall von Burtsche machte sich somit kaum bemerkbar, selbst nicht im schnellen Umschaltspiel.
In den Anfangsminuten legten die Gäste zunächst vor, was aber nicht über die Gmünder Entschlossenheit hinwegtäuschen konnte. Nie zuvor hat der TSB seine Abwehrarbeit derart offensiv interpretiert. Mal störte Yannik Leichs an der Spitze einer 5-1-Deckung, immer wieder rückten auch Maier oder Rechtsaußen Wolfgang Bächle aus der gewohnten Formation heraus. Das zahlte sich aus. Nach einer doppelten Unterzahl und einem 6:7-Rückstand (11.) kam der TSB-Express so richtig ins Rollen. Neun Minuten lang war die bewegliche Defensive nicht mehr zu überwinden. Vorne ging Abt entschlossen voran, hatte beim 12:7 (18.) bereits die Hälfte aller Gmünder Tore erzielt und glänzte mit feinen Anspielen. Direkt hinterher folgte ein Distanzwurf von Mühleisen ins leerstehende Gästetor, den nächsten Wurf der HSG lenkte er mit dem Bein hervorragend an die Latte. Mit einem 8:0-Lauf zog der TSB unaufhaltsam davon.
Pure Spielfreude und Effizienz
Die ambitionierten Gäste wirkten in dieser Phase völlig hilflos, selbst zwei Auszeiten innerhalb kürzester Zeit verpufften wirkungslos. Vom 14:7 (19.) bis zum 14:10 (21.) war ein kurzes Aufbäumen zu bemerken, doch der TSB hatte die richtige Antwort parat. Pleißner, erst vor einem Monat aus seinem Auslandssemester zurückgekehrt, betrat das Spielfeld und zündete sofort. Erst mit einem kraftvollen Rückraumgeschoss zum 16:11 (24.), in der nächsten Aktion mit einem Rückhandpass auf Linksaußen Maier. Der TSB dominierte in allen Belangen und nahezu jeder Wurf war auch ein Treffer. Ein Ballverlust von Schäffner an der Mittellinie war der einzige Makel, den aber der herausragende Mühleisen sofort ausbügelte, in dem er den freien Wurf von HSG-Rechtsaußen Illia Hreblev vereitelte. Schon zur Pause standen zehn Paraden auf dem Konto des Gmünder Rückhalts, während seine Kontrahenten von Willstätt/Hanauerland kaum einen Ball zu fassen bekamen.
An diesem Kräfteverhältnis sollte auch nichts mehr ändern, weil der TSB jeden gegnerischen Fehler eiskalt bestrafte und die großgewachsene HSG-Abwehr mit schnellen, flinken Bewegungen zerlegte. Abt drehte sich elegant aus der Bedrängnis und bediente Leichs, der sich am Kreis davongestohlen hatte und zum 25:15 (38.) einnetzte. An der Seitenlinie ballte ein extrem zufriedener Aaron Fröhlich bereits die Siegerfaust. Das hohe Tempo seiner Truppe konnte Willstätt nicht mitgehen. Wenn, dann nur mit übertriebener Härte wie Ilja Kosmirak, der Abt unsanft aus der Luft pflückte und dafür glatt Rot sah (41.).
Der TSB kennt keine Gnade
Die Gmünder dachten auch gar nicht daran, etwas schleifen zu lassen und bauten ihr Polster weiter aus. Linkshänder Stefan Scholz tankte sich erst energisch durch, nahm den Gästen die Kugel dann prompt wieder ab und traf innerhalb weniger Sekunden zweimal nacheinander zum 30:19 (45.). Willstätt/Hanauerland zerfiel in seine Einzelteile, dem TSB gelang nahezu alles. Maier beförderte einen gefühlvollen Dreher durch die Beine des Torhüters ins Netz. Aus dem linken Rückraum betrieb der 22 Jahre junge Pleißner beste Eigenwerbung für mehr Spielzeiten. Als Sahnehäubchen gelang ihm der umjubelte 40. Treffer und deutete an, dass er in dieser Rückrunde zu einem echten Unterschiedsspieler für den TSB werden könnte.
Zwischen den Pfosten hatte Mühleisen nach 52 Minuten unter lautem Beifall des Publikums seinen Platz für Kollege Tobias Klemm geräumt, der sich auch noch einmal auszeichnen konnte. Mit der Schlusssirene feuerte Abt noch einen Schlagwurf zum 41:27-Endstand in die Maschen – der Startschuss für die ganz eigene Faschingsparty des TSB und ein ganz starkes Signal an die Konkurrenz im Aufstiegsrennen. Gute Laune ist beim Tabellendritten in der kurzen Spielpause vorprogrammiert. Weiter geht es am 21. Februar (19:30 Uhr / Große Sporthalle) mit dem Derby gegen den VfL Waiblingen.
TSB Jets – HSG Willstätt/Hanauerland 41:27 (20:11)
TSB: Daniel Mühleisen (1.-52.Minute, 1 Tor), Tobias Klemm (52.-60.) – Tom Abt (9/4), Arian Pleißner (8), Yannik Leichs (6), Andreas Maier (6), Jonas Waldenmaier (3), Stefan Scholz (3), Wolfgang Bächle (3/1), Kai Schäffner (2/1), Stephan Mühleisen, Florian Abele, Patrick Watzl
HSG: Maxime Duchene, Gunther Zölle – Illia Hreblev (9/4), Aron Zimmermann (7), Dinko Dodig (3), Ilja Kosmirak (2), Lucas Limouzin (2), Fabian Reith (2), Luka Karic (1), Joffrey Bonnemberger (1), Lorenz Schmid, Yasin Harbi, Nikola Rebus, Ajdin Alkic, Moritz Gutmann
Siebenmeter: TSB 7/6 – HSG 4/4
Zeitstrafen: TSB 12 Minuten – HSG 8 Minuten
Rote Karte: Ilja Kosmirak (HSG/41./Grobes Foulspiel)
Schiedsrichter: Roland Hofmann, Daniel Sohns (Viernheim/Heddesheim)
Zuschauer: 450
„Jeder hat seinen Job gemacht und darüber hinaus“ – Stimmen zum Spiel
Aaron Fröhlich, TSB-Trainer: „Wir haben eine super Abwehr gestellt und ab der zehnten Minute immer mehr Ballgewinne erzwungen. Die Abwehr hat kaum leichte Würfe zugelasst und nur so hat das Zusammenspiel mit dem Torhüter funktioniert. Im Angriff haben wir es geschafft, in die Tiefe zu gehen. Von den körperlich starken Gegenspielern, die nicht gerade zimperlich sind, haben wir uns nicht beeindrucken lassen. Ich war mir sicher, dass wir über längere Zeit ein hohes Tempo gehen und die Zweikämpfe bestreiten können. Dafür sind wir belohnt worden, müssen diese Leistung aber nun hochhalten – und das gelingt weiterhin nur über die Abwehr.“
Ole Andersen, HSG-Co-Trainer: „Ich will die Niederlage nicht an unseren personellen Ausfällen festmachen, denn die Höhe sagt alles aus. Wir waren unglaublich langsam. Zudem hatten die Gmünder zwei, drei Spielzüge, die wir davor noch nicht kannten. Wir waren total verblüfft.“
Arian Pleißner, TSB-Rückraumspieler: „Wenn man von der Bank kommt und sofort eine gute Aktion hat, gibt einem das Selbstvertrauen. Gerade weil ich zuletzt nicht ganz so viel Spielzeit bekommen habe. Ich habe auch davon profitiert, dass die anderen Rückraumspieler den Gegner zermürbt haben. Gefühlt hat dann alles geklappt. Es wird aber auch wieder andere Spiele geben, deshalb bekommen wir jetzt keinen Höhenflug.“
Andreas Maier, TSB-Allrounder: „Seit meiner Zeit beim TVB Stuttgart steht in meinem Wikipedia-Artikel, dass ich ein Linksaußen bin und ich trainiere auch oft auf dieser Position. Wir hatten sehr viel Respekt vor Willstätt, doch wir sind ein eingeschworener Haufen von Kumpels und hatten ordentlich Schaum vorm Mund. Nach 20 Minuten hatten wir sie genau dort, wo wir sie haben wollten.“
Yannik Leichs, TSB-Rückraumspieler: „Das Ergebnis sagt genau das aus, was auf dem Spielfeld passiert ist. Wir kassieren nur 27 Gegentore von Willstätt, die im Schnitt sonst 33 Tore pro Spiel erzielen. Ausschlaggebend war, dass jeder funktioniert hat sowohl im Angriff als auch in der Abwehr. Jeder hat seinen Job gemacht und noch einen Schritt darüber hinaus für den anderen.“
(Nicolas Schoch)







































