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Ein Punkt und viel Respekt

21.12.2016. Handball, Baden-Württemberg-Oberliga: Dank des 31:31 (14:12)-Remis beim TSV Neuhausen/Fildern verteidigt der TSB Gmünd seinen zweiten Tabellenplatz

Von Nico Schoch
 
Zum Jahresabschluss 2016 lieferten sich der TSB Gmünd und der TSV Neuhausen/Fildern noch einmal einen wahren Handball-Krimi auf hohem Niveau, der mit dem 31:31-Endresultat einen für beide Seiten leistungsgerechten Ausgang nahm. Auf Gmünder Seite überwog am Dienstagabend allen voran der Stolz über eine famose Hinrunde mit lediglich acht Minuspunkten. Der Lohn: Die junge Truppe von Michael Hieber überwintert auf dem zweiten Tabellenplatz.
 
Wie viel Respekt sich die jungen Gmünder in der durchaus prominent besetzten Spielklasse bereits arbeitet haben, zeigte sich bereits darin, dass TSV-Trainer Ralf Bader im vornherein ausdrücklich betont hatte, dass „wir mit genauso viel Feuer, Motivation und Kampfgeist auftreten müssen, wie es Schwäbisch Gmünd in jeder Partie tut, denn ansonsten wird es für uns eine Herkulesaufgabe.“ Und abgesehen davon, dass TSB-Coach Michael Hieber zum wiederholten Male viel Anerkennung für seine spielerisch starke Truppe erhielt, lieferte dem langjährigen Drittligisten ein wirklich tolles Handballspiel mit viel Spannung bis zum Schluss und hoher spielerischer wie auch kämpferischer Klasse.
 
Nachdem sich die vollbesetze Egelsee-Sporthalle zunächst zu einer Schweigeminute für die grausamen Anschläge von Berlin erhoben hatte, gelang es dem TSB in den Anfangsminuten, den frischgebackenen württembergischen Pokalsieger doch etwas zu überraschen und sich bereits nach fünf Minuten eine 0:3-Führung herauszuspielen. Neuhausen fand nur beschwerlich in die Partie hinein und kam erst nach 18 Minuten erstmals zum Ausgleich. Fortan war es ein ausgeglichenes Duell, ein wahres Spitzenspiel. Erneut konnte der TSB dann jedoch vorlegen und hätte aufgrund seiner leichten spielerischen Überlegenheit den zwischenzeitlichen Vorsprung in die Pause mitnehmen müssen. Doch Max Häfners Treffer zum 10:12 (23.) sollte der letzte Gmünder Torerfolg im ersten Durchgang gewesen sein. Stattdessen wendete der TSV das Blatt binnen kürzester Zeit, kam zu seiner ersten eigenen Führung und der herausragende Hannes Grundler (insgesamt elf Tore) markierte mit der Sirene gar den 14:12-Halbzeitstand.
 
So mussten sich die doch etwas geschockten Gmünder nach Wiederanpfiff erst einmal neu zurechtfinden, zumal Grundler mit einem verwandelten Strafwurf erst sogar auf 15:12 erhöhte. Umso bemerkenswerter, dass die Hieber-Sieben dann die richtige Antwort fand und sich mit einem kämpferischen Kraftakt noch einmal zurück auf Augenhöhe brachte. Nach 33 Minuten sorgte Philipp Schwenk für den 15:15-Gleichstand – alles zurück auf Null gedreht quasi. Keine der beiden Mannschaften konnte in der Folgezeit auf mehr als zwei Tore Unterschied davonziehen. Nach einer Dreiviertelstunde Spielzeit führten erneut die Gäste aus der Stauferstadt mit 21:23, als Aaron Fröhlich einen herrlichen Kempa-Trick eiskalt abschloss. Im zunehmend hektischen Spitzenspiel bewies auch Neuhausen im Gegenzug seine Kämpferqualitäten, lag nur drei Minuten darauf selbst mit 25:23 in Front und wähnte sich dann doch noch einige Zeit auf der Siegerstraße. Denn auch in den letzten zehn Minuten dieser hochattraktiven Begegnung musste der TSB dann stets diesem Zwei Tore-Rückstand stets hinterherlaufen und gab sich doch ebenso zu keiner Zeit auf. Der große Wille wurde schließlich auch belohnt. Denn auch in der turbulenten Schlussphase, in der kurioserweise auch noch die Hallenuhr drei Minuten vor dem Ende plötzlich ausfiel und beide Seiten ohne wirkliches Zeitgefühl agieren mussten, behielten die Gmünder einen kühlen Kopf. Grundler hatte für das 31:29 gesorgt, ehe mit Aaron Fröhlich sowie Max Häfner die beiden besten TSB-Schützen den Ausgleich herstellten. Die Spannung gipfelte dann in den verbliebenen 25 Sekunden, welche den Hausherren zum finalen, möglicherweise entscheidenden Angriff blieben. Doch die TSB-Abwehr behielt in dieser letzten brenzligen Situation die Oberhand, mit dem Abpfiff landete ein Neuhausener Freiwurf im Defensivblock und so blieb es bei einem schlussendlich für beide Seiten gerechten Remis. „Harte, ehrliche Arbeit wird am Ende immer belohnt“, schaute auch TSB-Betreuer Holger Sohnle schlussendlich durchaus zufrieden drein.
 
Anschließend fühlte sich der Neuhausener Trainer gewissermaßen bestätigt: „Gmünd steht wirklich zurecht so weit oben in der Tabelle. Ich habe vor diesem Gegner den allerhöchsten Respekt, sogar noch mehr wie vor Kornwestheim“, resümierte Bader anerkennend. Beim Vergleich mit dem Tabellenführer musste sein Gegenüber kurz schlucken. „Es ist für mich ein absoluter Traum, was meine Mannschaft auch in dieser Konstanz geleistet hat. Dafür hat die Mannschaft unglaublich hart gearbeitet“, freute sich Michael Hieber über den zwischenzeitlichen Lohn, der sich in Form eines zweiten Tabellenplatzes zur Winterpause zeigt. Der TSB-Coach selbst sprach einige Male von einem „Wahnsinn“ und tat sich mit einem Fazit selbst schwer: „Ich muss jetzt selbst erstmal verarbeiten, was da eigentlich passiert ist.“
 
Sein Top-Torjäger Aaron Fröhlich wurde da schon konkreter und hob die bemerkenswerte Entwicklung des TSB-Teams hervor: „Wir wollen uns stetig verbessern – das haben wir geschafft, was natürlich nicht ganz leicht ist. Denn nach zwei Jahren in Folge ist es auch normal, dass man vielleicht mal abfällt – das hatten wir bislang noch nicht“, so Fröhlich. „Insgesamt sieht man aber, dass der Weg bei jedem einzelnen und auch in der Mannschaft nach oben geht. Das spiegelt sich dann in der Tabelle wider.“ „Dass es so gut läuft wie momentan, darauf hätte ich vor der Saison nie spekuliert und hätte es auch niemals gewagt, das wirklich auszusprechen“, fügte Max Häfner freudig hinzu, überwintert man doch tatsächlich auf einem Aufstiegsrang.
 
Wobei der Begriff des Überwinterns nicht wirklich angebracht ist – bereits am 14.Januar steht den Gmünder Oberliga-Handballern das nächste Gipfeltreffen bevor. Die Vorfreude auf das Gastspiel von Klassenprimus Kornwestheim in der Gmünder Großsporthalle ist bereits jetzt riesig. „Ein solches Spiel, das hätten wir uns nicht zu träumen gewagt“, meinte auch Tormann und Kapitän Sebastian Fabian: „Das wird ein richtiges Topspiel, indem wir trotzdem nur gewinnen können gegen eine Mannschaft, die seit über 20 Jahren hochklassig spielt.“ Von einer „Riesensache“ sprach auch Fröhlich: „Wir sind jetzt einfach in einer sehr komfortablen Situation, so weit vorne zu stehen und jeden ärgern zu können,  ganz ohne den ganz großen Druck zu haben.“ „Das ist ein absoluter Traum“, schwärmt wiederum der Trainer, der nicht zu Unrecht auf 1000 Zuschauer hofft.
 
Und wie sieht es mit einem möglichen neuen Saisonziel aus? Diese pikante Frage lies Michael Hieber am Dienstagabend weiterhin offen, betonte aber zugleich auch, dass es „schwierig ist, jetzt noch vom Nichtabstieg zu sprechen.“ Worte wie Aufstiegskampf bleiben weiterhin tabu – und das auch aus gutem Grund. Hieber: „Ich bin wahnsinnig stolz auf die Leistung meiner Mannschaft, aber wir werden weiterhin auf dem Boden bleiben.“ Schließlich sei in einer solch ausgeglichenen Liga vieles möglich, weshalb die 26 Punkte für den sicheren Klassenerhalt oberste Zielsetzung bleiben. „Ich bin jetzt schon lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass man auch mal einen schlechte Phase haben kann“, warnte der TSB-Trainer daher. Doch wer will das an einem solchen Handballabend, dem würdigen Finale eines herausragenden Jahres 2016 schon hören? Ungehört bleiben sollte sie aber keineswegs.
 
TSV: Arnold, Ricci – Grundler (11/3), Flechsenhar (6), Pabst (5), Trost (3), Holder (2), Roos (2), Durst (1), Reinhardt (1), Weckerle, Sommer, Schmidt
TSB: Fabian, Juhnke – M.Häfner (9/1), Fröhlich (8/2), J.Waldenmaier (4), Bächle (4), Schwenk (4), Leinß (2), J.Häfner, Waibel, L.Waldenmaier, F.Häfner, Petersen
Siebenmeter: 3/3 – 3/5
Zeitstrafen: 10 – 8 Minuten
Schiedsrichter: Magnus Enßle/Holger Krieg (TV Mögglingen)
Zuschauer: 400
 
 
„Das macht schon Sinn“ – Weitere Stimmen zum Spitzenspiel
 
Ralf Bader (Cheftrainer TSV Neuhausen/F.): „Es war das Topspiel, das wir uns alle erhofft haben und ich glaube, dass niemand sein Kommen bereut  hat. Natürlich wollten wir am Sonntag den Pokal holen und natürlich wollten wir das Topspiel zwei Tage später nicht einfach so abschenken. Wir haben dafür alles getan, auch wenn es für uns aufgrund der zahlreichen Verletzten natürlich alles andere als einfach war. Wir hatten zu Beginn ein paar Abstimmungsprobleme und die hat Gmünd dann sofort genutzt. Wir haben es aber geschafft besser zu decken und dann war es ein klasse Spiel. In der zweiten Halbzeit haben wir uns etwas durchgekämpft und was dann am Schluss passiert ist  - ich schiebe es jetzt sicher nicht auf die ausgefallene Uhr – lag an Konzentrationsfehlern unsererseits. Unsere Situation hat sich mit dem Remis zumindest nicht verschlechtert. Meine Jungs haben trotz den vielen Verletzungen eine wirklich klasse Hinrunde gespielt und ich glaube nicht, dass die anderen Mannschaften der Liga in unserer Situation das so hinbekommen hätten. Ich wünsche mir, dass die Jungs einfach von Spiel zu Spiel dazulernen und das auch ins neue Jahr mitnehmen. Wenn wir das tun, dann müssen wir keine Ziele ausgeben – dann wird am Ende das Richtige in der Tabelle stehen.“
 
Michael Hieber (Cheftrainer TSB Gmünd): „Man hat wieder gesehen, wie subjektiv Handball doch sein kann. Neuhausen fühlt sich benachteiligt, Gmünd fühlt sich benachteiligt – ich glaube, wenn dann am Ende ein Punkt steht, dann macht das schon Sinn. Das ist für beide Mannschaften dann keine Niederlage und ich hätte das vor dem Spiel auch genauso unterschrieben. Klar, wir wollten hier gewinnen. Aber was mich besonders freut ist, dass Neuhausen heute sicherlich keinen schlechten Tag hatte und wir diesem Gegner sicher in seiner bisher besten Saisonphase begegnet sind. Unterm Strich war es ein schnelles Spiel von zwei sehr guten Mannschaften auf einem sehr guten Niveau, in dem auch viele Emotionen dabei waren. Das darf sein, wenn man nach dem Spiel dann dennoch zusammensitzen und gemeinsam ein Bier trinken kann.“
 
Sebastian Arnold (TSV-Tormann): „Wir sind extrem schlecht gestartet, haben dann aber zum Glück die Kurve gekriegt und sind richtig gut ins Spiel gekommen. Ich selber bin heute nicht so ganz zufrieden, bei manchen Bällen hatte ich einfach Pech. Es geht immer besser. Blöderweise ist dann am Ende auch noch die Uhr ausgefallen und das kommt dann auch mit dazu, dass wir leider noch einen Punkt abgeben mussten.“
 
Sebastian Fabian (TSB-Keeper): „Mit vielen freien Würfen und vielen Toren aus dem Rückraum war es natürlich für beide Torhüter ein schweres Spiel – die gerechte Punkteteilung ist sicher nicht in der Abwehr zustande gekommen. Wenn wir unser Ding weiterhin so durchziehen, dann ist für uns alles möglich. Aber wir können genauso mit allen gegnerischen Mannschaften Probleme bekommen. Daher darf man jetzt nicht erwarten, dass wir nun eine ebenso gute Bilanz in der Rückrunde hinlegen. Vielleicht denkt man im Umfeld jetzt größer, das ist klar. Aber wir in der Mannschaft denken so nicht und schauen weiter nach vorne.“
 
Aaron Fröhlich (Gmünder Spielmacher): „Vor dem Spiel hätten wir diesen einen Punkt sicher mitgenommen, auch um die Distanz zu Neuhausen zu bewahren und den zweiten Platz für die Winterpause zu festigen. In der ersten Halbzeit waren wir so im Spiel, dass wir sagen konnten, wir wollen hier auch gewinnen. Beide Mannschaften haben körperlich alles reingelegt. In der zweiten Halbzeit waren wir dann lange auf der Verliererstraße, haben uns dann noch einmal zurückgekämpft und noch den größeren Willen gehabt. Wir hatten am Ende das Selbstvertrauen, den Rückstand noch umzubiegen und haben, wenn man die gesamten 60 Minuten betrachtet, verdient einen Punkt geholt.“
 
Max Häfner (TSB-Rückraumschütze): „Wir sind natürlich schon gekommen, um zwei Punkte zu entführen. Aber wenn man den Spielverlauf sieht – wir waren mal vorne, Neuhausen ebenso – finde ich das Remis am Schluss doch gerecht. Das Spiel war sehr ausgeglichen und am Ende kann sich darüber dann niemand beschweren. Diese Hinrunde ist für uns einfach überragend verlaufen und wenn wir so weiterspielen, dann haben wir gute Ambitionen, weiter ganz vorne dabei zu bleiben. Wir treffen in der Rückrunde zuhause auf alle direkten Konkurrenten, das ist in jedem Fall ein großer Big Point.“

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